Personal

Von Drachenkämpfern und Mut

Nachdem meine Kündigung im Unternehmen bekannt wurde bin ich zu meinen Eltern in die Heimat gefahren. Meine Katze saß während der Fahrt auf dem Beifahrersitz, in ihrer Transportbox und kuschelte sich wie immer an das Gitter um auch nur annähernd bei mir zu sein. Im Radio lief passend dazu Dramas – Comfort Zone.

Die ganze Fahrt über spielte ich den Tag durch. Es war anstrengender als gedacht, Kollegen die zum Teil Freunde von mir wurden zu sagen, dass ich gehen werde. Ich hatte einen richtig dicken Klos im Hals, dabei hatte ich mich doch so gut geschlagen. Zwei Tage zuvor, als ich es meiner Abteilungsleiterin mitteilte. Konzentriert und vorbereite war ich da. Wochenlang habe ich morgens und abends auf dem Nachhauseweg im Auto die Zeit genutzt und bin das durchgegangen was ich sagen wollte. Wie bei einer Präsentation. Auf die relativ spontane Verkündigung meiner Kündigung  an das gesamte Team war ich jedoch gar nicht mehr vorbereitet und so kullerten die Tränen. Massenweise. Ganz toll gemacht, dachte ich mir. Ich war so ehrlich wie ich konnte, dennoch habe ich das Gefühl, auch wenn mich viele verstehen können, dass das relativ abstrakt ist was ich da mache. Einen guten festen Job kündigen, in dem ich gerne arbeite um etwas Neues zu machen, was aber noch nicht feststeht. Viele bezeichneten es als mutig diesen Schritt zu gehen. Darüber dachte ich während der Autofahrt lange nach.

Was ist Mut? Was ist für mich Mut?

Mutig ist es für mich einen bösen Drachen zu töten um das Dorf vor seinem Niedergang zu bewahren. Mutig ist es für mich sich um kranke Familienmitglieder zu kümmern und seine eigenen Bedürfnisse dafür zurückzustellen, mutig ist es eine Familie zu gründen und für sie da zu sein, mutig ist es jemanden zu lieben und demjenigen das auch zu sagen. Mutig finde ich es seine eigene Meinung zu haben auch wenn man damit vielleicht komplett alleine da draußen in der Welt ist. Mutig ist es gute Dinge zu tun, Menschen zu helfen, sich sozial zu engagieren. All das ist für mich mutig. Ich fand es auf jeden Fall erst mal nicht mutig seinen Job zu kündigen um seinen eigenen Ideen nachzugehen.

Lasst uns das bitte nicht als mutig bezeichnen irgendwo aufzuhören und etwas Neues anzufangen, denn man ist nie zu alt um etwas Neues anzufangen, etwas Neues zu lernen, etwas zu versuchen und zu träumen.

Das Thema lies mich jedoch nicht los und da ich eh ein Fan der Dekonstruktion bin, zerstückelte ich den Begriff „Mut“ in seine Bestandteile und kam zu dieser tollen Seite hier und der Grüffelo hatte sehr weise Worte für mich. Die Initiative „Mut tut gut!“ unterscheidet sechs Arten von Mut: physischer, sozialer, intellektueller, moralischer, emotionaler und spiritueller Mut.

Als ich die Definitionen durchlas merkte ich, dass das was ich hier tat man durchaus als mutig bezeichnen konnte. Ich wurde also recht schnell eines besseren belehrt. Dennoch bleibt für mich der Drachenkämpfer/in auf Platz eins der Mutigen-Rangliste ganz oben bestehen aber wer weiss, vielleicht hatte ich für mich meinen eigenen kleinen Babydrachen gerade bekämpft?

Zu Hause angekommen stellte meine Mutter nach einem kurzen Blick in meine Augen eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Alte Pflaume – Rudi hatte den Schnaps meinen Eltern geschenkt als er ein Schwein geschossen hatte. Jetzt trank ich diesen edlen Tropfen um wieder ein bisschen runterzukommen – ekelhaft. Unerklärlich ist es für mich mittlerweile wie ich so was mal gerne am Wochenende getrunken habe. Wird man also wirklich Älter? Ist es das was wir früher nie geglaubt haben? Die alte Pflaume tat ihr Werk und so wurde ich nach und nach immer schläfriger und kuschelte mich auf die Couch, um mit meinen Eltern einen Krimi anzuschauen.

Meine Mutter verriet mir bereits in den ersten fünf Minuten wer der Täter ist und so konnte ich erst recht beruhigt einschlafen. Der Fall war geklärt. Am darauffolgenden Tag traf ich mich mit einer Freundin. Drei Jahre hatten wir uns jetzt schon nicht mehr gesehen. Verrückt wie es dazu kommen konnte.  Doch das Leben dreht sich so schnell, die Jahre verfliegen so rasch, vor allem wenn man durch den Job so eingebunden ist bzw. sich so einbinden lässt.

Drei Stunden quatschen wir beim Brunch über die letzten Jahre. Es war wunderschön. Sabrina ist Hochzeitsfotografin und ihre Freundschaft hat mich nachhaltig geprägt. Sie hat früher in einem ganz anderen Beruf gearbeitet, hat dann hobbymäßig angefangen zu fotografieren und wurde nach und nach immer erfolgreicher. Nach einiger Zeit entschied sie sich dann für die Fotografie und kündigte ihren Job. Mutig, dachte ich mir.  Ha, da war es wieder! Vielleicht ist es auch immer eine Frage der Perspektive. Das was sie macht, macht sie sehr erfolgreich und vor allem echt. Sie ist ehrlich, authentisch und glaubte bereits vor Jahren stärker an meine Ideen und an mich als ich an mich selbst.

Es gibt Menschen und Begegnungen im Leben die passieren denke ich nicht ohne Grund. Und es gibt verschiedene Arten von Menschen die in unser Leben treten. Die, die einen erden, einen fördern oder einen inspirieren. Ja, es gibt auch Menschen mit einer dunkelschwarzen Aura die einen runterziehen und wie eine dicke Regenwolke über den Kopf hängen, dunkelgrau und triefend nass und selbst bei 35Grad im Schatten Gänsehaut erzeugen können. Aber die lassen wir jetzt mal außen vor.

Sabrina gehört definitiv zu den inspirierenden Menschen da draussen. Nach dem Brunch und vielen guten Gesprächen legte ich mich in die Sonne, um die Batterien aufzuladen und das schöne Wetter zu genießen. Ehrlich gesagt, ist es für mich persönlich noch unecht, dass ich diesen Schritt gewagt habe, aber ich freu mich wirklich auf das was jetzt kommt. Egal was es ist. Ich merke wieder wie meine Kreativität anfängt zu fließen, mir neue Ideen kommen. Es fühlt sich an wie der erste Frühling, wie das erste Mal verliebt sein. Herrje, das war kitschig, also lassen wir das. Egal. Ich bin offen für das Universum und ich bin gespannt was passiert.

Wann habt ihr das letzte Mal etwas aus eurer Sicht mutiges gemacht? Was ist für euch Mut?

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