Personal

Die Sache mit dem Internet

2006. Marcel kam auf mich zu und fragte mich, ob ich eine Art Kolumne für seinen damaligen Blog „Tokyopunk“ schreiben möchte. Das Thema durfte ich mir aussuchen. Ich glaube mein allererster Text den ich „fürs Internet“ geschrieben habe, handelte vom kleinen Prinzen und darüber wie er die Welt sah. Ich bin an den Text herangegangen als würde ich einen Aufsatz schreiben, weil ich einfach nicht wusste was freies Schreiben war. In der Schule lernte ich nicht wie man seine Gedanken seiner Umgebung mitteilt, wie man Dinge durch das Schreiben verarbeiten oder den Tag und sich selbst reflektieren kann und das nicht für den Lehrer, sondern für sich selbst zu tun.

Erst nach und nach, war es für mich zu einer Art digitalem Tagebuch geworden. Zu etwas, mit dem ich selbst auch etwas anfangen konnte. Etwas was ich für mich tat. Und damit war ich nicht alleine. „Damals“ so bekloppt sich das auch anhören mag, als es das Wort „Blog“ oder „Influencer“ noch gar nicht gegeben hatte, war ich auf dem besten Weg einer davon zu werden. Und da war nicht nur ich, da waren ganz viele andere ehrliche Schreiberlinge mit großartigen Texten, Meinungen und Ideen da draußen. Marcel und ich trafen zuerst mit Tokyopunk und später mit AMY & PINK den Nerv der Zeit. Den Zeitgeist der digitalen Natives und formten damit ganz unbewusst eine ganze Generation die „erste Blogger“ Generation sozusagen. Abgefahren.

Wir wussten zwar nicht was wir da genau taten, aber wir taten es laut und fanden Gehör. Wir hatten auf ein mal die Möglichkeit uns durch eine neue Art und Weise mitzuteilen. Wir, die sich alleine im Jugendzimmer Gedanken über die Welt gemacht haben und es nicht für möglich hielten, dass es da draußen ganz vielen ähnlich geht. Wir, die nichts voneinander wussten, am anderen Ende von Deutschland oder der Welt saßen. Das was heute so selbstverständlich und normal geworden ist, war für mich damals so besonders. Aus meiner kleinen Blase im Jugendzimmer konnten wir unsere Meinung in die Welt rufen. Und so schrieben wir, wir chatteten, schrieben uns Mails, Nachrichten bei ICQ. Wir kommentierten Texte unbefangen und positiv, ehrlich und tauschten uns einfach aus und das natürlich alles komplett konzentriert und bedacht, denn jede Sekunde kostete Geld.

Das Internet war kein Ort der Angst oder des Mobbings. Mobbing passierte bei uns an der Bushaltestelle. Wir mussten demjenigen noch in die Augen schauen, wenn wir jemanden Banane fanden und damit auch zurechtkommen wenn sich diese mit Tränen füllten. Laptop einfach zuklappen gab es nicht.

Es gab keine Trolle, wir waren ein Team. Ein Team aus vielen jungen Erwachsenen zu denen ich heute noch viele Jahre später Kontakt habe oder sie sogar kennenlernen durfte. Wir inspirierten uns gegenseitig. Keiner von der ersten Blogger Generation, hatte gewusst, welchen Hype das Internet in den nächsten Jahren bekommen würde. Welchen Stellenwert und Einfluss Blogger haben könnten. Das dies der Anfang von einem kompletten Wandel war. Hallo Globalisierung, hallo Remote-Jobs, hallo Internet, Smartphones, Apps & Co. hallo, hallo, hallo!

Es gab noch kein Instagram, noch kein Snapchat, Facebook auch nicht. Wer einigermaßen cool war, hatte myspace – naja für eine Gewisse Zeit oder hat sich mit beepworld und freenet irgendwie seine eigene Internetseite gebastelt. Und heute, möchten Kinder Modeblogger werden wenn sie groß sind oder Youtube-Star, Fashionista, Vlogger, Creator oder was es sonst noch so gibt. Und das ist auch ok. Es ist für alle ok. Du musst kein Superstar, Supermodel oder was weiss ich was sein. Du musst einfach nur etwas zu sagen haben.

Was ist dann passiert? Wir sind erwachsen geworden. Ein Teil dieser Generation hat diesen Aufschwung genutzt und daraus sehr wahrscheinlich sogar unbewusst und ungewollt zu ihrem Job gemacht. Blogs wurden zu Onlinemagazinen, zu Marken. Andere sind wiederum ausgestiegen haben angefangen zu arbeiten, studiert, eine Lehre gemacht. Das was man eben regulär nach der Schule gemacht hat. Das was sich gehört, das was man kannte.

Ehrliche Texte fanden immer weniger Gehör.  Die Authentizität ging verloren. Ich für meinen Teil fand immer weniger Zeit. Aus dem Internet mit Ecken und Kanten sind glattgebügelte Selfies mit Filter geworden. Weitere Hochglanzbilder auf denen alles so gut ausschaut, so perfekt, so glatt, so einfach, so gar nicht realistisch.

Nach und nach haben wir dann dadurch das Internet zu dem werden lassen was es heute ist. Wir haben es zum Teil verkommen lassen, weil die Stimmen die wirklich etwas zu sagen haben leiser wurden oder verloren gingen. Wir haben selbst den Weg frei gemacht für die Trolle da draußen, für Mobbing, für Bananenkommentare die man einfach so irgendwo anonym drunter knallt.

Warum bloggt man eigentlich?

Alle haben das gefragt und eine richtig schlaue Antwort fällt mir leider erst jetzt ein. Es ist eine Art Philosophie, vielleicht auch Kunst. Man beschäftigt sich mit Themen und verpackt diese in einen Text, man bündelt Informationen, stellt sie online und wartet auf eine Reaktion. Darauf, dass man Gehör findet, darauf dass sie einen Teil der Gesellschaft widerspiegeln um eine Art Sprachrohr zu sein für alle die nicht den Mut haben die Dinge zu sagen, die ihre Gedanken nicht aufs Papier bringen können. Es ist wie ein Gespräch mit Freunden oder eine Art Reportage über persönliche Gedankengänge. Eigentlich das, was alle Medien tun. Jeder Film, jede Serie, jeder Artikel in der Zeitung, jedes Buch. Das Denken wird angeregt, eine eigene Meinung entsteht und man wird zum träumen eingeladen, inspiriert, in eine andere Welt entführt, animiert oder einfach nur unterhalten.

Als ich vor ein paar Wochen die About You Awards angeschaut habe, habe ich mich geschämt. Das Internet kann mehr als „Influencer“ erschaffen, die es nicht verstehen, dass sie mit den About You Awards einfach nur auf Dauerwerbesendung geschaltet sind. Aber klar, natürlich ist das sehr verlockend und ich wäre sehr wahrscheinlich selbst auch schwach geworden, damit ich Cro mal über seine Pandanase streicheln kann. Das ein Unternehmen sogenannte Influencer-Awards verleiht, ist bezeichnend für eine Social-Media-Generation die mit Werbung verschmilzt und es noch nicht ein mal mehr mitbekommt. Das Internet hat mehr auf dem Kasten. Es handelt sich hierbei um keine representative Stichprobe und deswegen beschäftigt mich das Thema wohl auch. Nur wer laut ist, viele Follower hat und/oder einen flachen Inhalt, ist nicht automatisch Preisträger. Schon gar nicht unter dem Deckmantel der Konsumgesellschaft eines Online-Versandhandels. Natürlich schreibe ich diese Worte überspitzt und ich hoffe die Meute von Komikerin Enissa irgendwer wird mir nicht auf den Hals gehetzt, aber allein das ist doch schon absoluter Käse, dass es zu so etwas gekommen ist.

Das geschriebene Wort im Internet wurde schon von Anfang an belächelt. Print ist tot, es lebe Print! Blogs sind tot, es lebe der Blog! Es war immer ein blödes gegeneinander, nie ein wirkliches miteinander.

Es sind die leisen Stimmen mit gutem Inhalt, die das Internet verzaubern. Die mit dem langen Atem und ich frage mich wo denn die authentischen jungen Stimmen unserer Generation, unserer vorherigen Generation und unserer nachfolgenden Generation geblieben sind? Die, die außerhalb jeglicher Werbeslogans wirklich etwas zu sagen haben. Manchmal habe ich das Gefühl das Zeitalter des geschriebenen Wortes ist vorbei. Zu groß ist die Versuchung nach schnellen, billigen, leichten „Content“ der über Stories, Vlogs & Co. so dermaßen schnell inhaliert werden kann, als würde man sich eine Line Koks reinziehen und den gleichen Effekt hat es sehr wahrscheinlich auch.

Vielleicht ist es auch das Ergebnis, dass die Menschen die wirklich etwas zu sagen haben Jahre lang hinter jedem Praktikum, Studium und Job hergelaufen sind und das Online-Feld einer anderen Generation überlassen haben. So haben wir uns ein weiters Hochglanzmagazin geschaffen, auf dessen Cover absurde Figuren tanzen, die es so in der Welt vermutlich überwiegend so gar nicht gibt und die authentischen Darsteller sind in der Nebenrolle gelandet. Wir haben Blogger & Co. zu weiteren künstlichen Vorbildern gemacht, die wir so doch gar nicht wollten. Jetzt sehen wir sie nicht nur in Magazinen, sondern wir sehen sie gleich schon in der Früh in den „Stories“ und damit einhergehend wie perfekt sie schon morgens um 6Uhr aussehen.

Das Internet war mal voll von inspirierenden Menschen, echten Menschen da draußen. Was beschäftigt unsere Generation, wo ist der Austausch untereinander. Hilfe! Kann mich jemand hören? Wo sind die echten Instagram-Muttis? Die mit den Depressionen, mit den vollgekotzten Pullovern, mit ihren Ängsten keine gute Mutter zu sein, die mit den Augenringen, mit dem fettigen Ansatz, die mit den dreckigen Fußböden, weil man nicht zum staubsaugen kommt? Die mit den Wohnungen die nicht aussehen wie aus einem skandinavischen Einrichtungsstudio, dort wo nicht alles aufeinander abgestimmt ist, dort wo nicht nur Luxusstrampler liegen? Ich rede hier nicht von #nomakeup ich suche das echte Leben.

Wo sind die echten Modejunkies, die sich nicht in einen Katalog pressen lassen, die ihren eigenen Stil haben? Wo sind die Menschen die auch noch wirklich einen Berg hoch laufen oder auch wirklich draußen zelten und sich nicht nur zurecht gemacht irgendwo hinsetzen um ihr nächstes schönstes Outdoorfoto posten zu können?

Ich bin mir sicher, dass es diese Blogs bzw. Social-Media-Kanäle da draußen noch gibt und zwar reichlich davon. Bitte werdet lauter!

Wann haben wir eigentlich das Internet zu dem gemacht was es heute ist? Wann habe ich das Internet zu dem gemacht was es heute ist.

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Comments (5)

  1. Ich kenne Dich schon seit Tokyopunk. Ich hab mich immer über Deine Texte gefreut und war irgendwann mal traurig, dass es so still wurde. Und jetzt bist Du wieder da uns feuerst eine Granate nach der anderen ab. Hier, Hannah, an dieser Stelle, mit diesem Text, hast Du mich aber wirklich abgeholt. Wo sind die Muttis mit den Depressionen, die Väter mit den Versagensängsten? Wo sind die Menschen, die sich mal was getraut haben und zeigten, wie die Welt wirklich sein kann?

    Und als Du gefragt hast, wo die Menschen sind, die noch wirklich draußen sind, hätte ich Dir am liebsten einen Spiegel gereicht. Hannah. Mach weiter. Schreib weiter. Auch wenn es schwer ist. Dein Blog ist eine Bereicherung für dieses, unser Internet. Gerade weil Du nicht nur Fotos machst, die gut aussehen…

    1. Torsten, vielen lieben Dank für deine lieben Worte und dass du dir die Mühe machst so einen langen Kommentar zu schreiben. Man soll ja nicht immer an alten Zeiten hängen, aber das hab ich früher immer total gemocht – den Austausch 🙂 Und danke für die Komplimente, vor allem weil wir uns jetzt schon echt ne Weile kennen. Ich glaube viele haben heute fast schon angst ehrlich zu sein, echt zu sein oder sich persönlich im Internet zu äußern, es kann einem ja immer wieder vorgehalten werden. …und dann dominiert eben das Aalglatte. Oder sie verstecken sich einfach nur ganz gut 😉

      1. Ich glaube auch, das mit der Angst. Ich habe das ne zeitlang auch bei mir bemerkt. Auf Hochzeiten z.B. habe ich immer lange Hemden getragen, weil ich Angst hätte, ich könnte mit meinen Tattoos anecken und dadurch keine Folgeaufträge mehr bekommen. Total unbegründet. Tatsächlich sind die Tattoos ja nun mal ein Teil von mir. Ein Teil meiner Geschichte. Und seit dem ich das erkannt habe und mich nicht mehr verstecke und ehrlich durchs Leben gehe, klappt alles viel besser.

        Ich glaube, es ist die Vorstellung, dass andere etwas von einem erwarten und das man diese Erwartungen erfüllen muss. Man möchte ja beliebt sein. Also verschmilzt man mit der Masse um nicht (negativ) aufzufallen.

        ABER: Es sind immer die ehrlichen, authentischen und wahrhaftigen Menschen, die man irgendwie doch ein Stück weit mehr mag!

  2. huhu,

    ich hatte dir auf FACEBOOK ja ein paar Instagram/Facebook Accounts die Schreiben versprochen:

    Magazine & Plattformen:
    https://www.instagram.com/mosaik_plattform/ (Interessante aktuelle junge Literatur)
    https://www.facebook.com/galoreinterviews (wohl die BESTEN deutschsprachigen Interviews)
    https://www.instagram.com/reportagenmag/ (großartige Reportagen allerdings nur gegen Abo)

    https://www.instagram.com/wortabdruecke/
    https://www.instagram.com/coco.schreibtwas/
    https://www.instagram.com/weg.gefaehrtin/
    https://www.instagram.com/kartoffelsalat_kippenautomat/ (Benni von uns)

    So viel erstmal von meiner Seite. Mehr evtl zu einem anderen Zeitpunkt.

    LG!