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Die Welt ein bisschen anders

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Die Welt ein bisschen anders

Ich hab mir lange überlegt, ob ich folgenden Text veröffentlichen soll oder nicht. Letztendlich bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass diese Gedanken zu meinem Leben gehören und dann auch mit euch geteilt werden können. Ich schrieb den Text am 21.03.20. Mittlerweile gelten auch für Deutschland bundesweit allgemeine Einschränkungen des öffentlichen Lebens.

Seit einer Woche gelten die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Österreich. Schulen und Kindergärten sind geschlossen und alle sind angehalten zu Hause zu arbeiten. Modegeschäfte, Kinos und Theater sind geschlossen, auch Fitnessstudios, Restaurants, Sportplätze oder Baumärkte sind zu. Lebensmittelgeschäfte, Apotheken und Banken sind jedoch weiterhin geöffnet. Man darf mit den Menschen mit denen man zusammen wohnt spazieren gehen, dabei gilt es zu anderen Menschen immer einen Mindestabstand von 1,50m – 2,00m zu halten. Gruppen größer zwei Personen sind verboten und werden aufgelöst. Man ist angehalten so wenig Kontakt wie möglich zu anderen Menschen zu haben. Das gilt auch für die eigene Familie, so schwer es einem auch fällt.

Heute lag die Tageszeitung vor der Türe auf der Fußmatte. In kürzester Zeit wusste ich, dass die oben genannten Beschränkungen vorerst bis einschließlich Ostermontag den 13. April gehen werden. Dann wird die Situation neu bewertet. Jede zweite Seite in der Zeitung ist mittlerweile Werbung vom Bund. Es werden Verhaltensregeln erklärt: wie wasche ich meine Hände richtig, man soll sich nicht ins Gesicht fassen, in ein Taschentuch oder in die Armbeuge niesen, keine Hände schütteln, Abstand halten, Enkel sollen Oma und Opa nicht besuchen, angefasste Produkte im Supermarkt sollen nicht wieder zurück gelegt werden usw. Im Fernsehen sieht es ähnlich aus. Die Werbung dort erklärt einem ebenfalls Hygieneverhaltensregeln und zeigen Animationen, Grafiken und Charts wie schnell sich das Virus verbreitet, wenn wir uns jetzt nicht an die Regeln halten.

In der Woche bevor die Einschränkungen bekannt gemacht wurden, war ich das letzte Mal einkaufen und ehrlich gesagt habe ich mich unwohl gefühlt. Die Menschen waren beunruhigt, viele haben Falschinformationen zugespielt bekommen und angefangen zu hamstern. Es gab keine Kartoffeln, kein Reis, keine Dosen und keine Nudeln mehr. Menschen kauften neben mir kiloweise Mehl oder zwanzig Pakete Butter. Manche fuhren mit zwei Einkaufswagen durch den Supermarkt. Als ich dann an der Kasse stand fuhr die Polizei vor um ein Auge auf die Situation im Supermarkt zu werfen.

In einer Welt voller Überfluss und ständigen Konsum von so fast allem was es überhaupt so auf der Welt gibt, war das für mich eine neue Erfahrung und ein neues Gefühl. Wir, die Generation die bis dato absolut in Zuckerwatte gehüllt wurde und noch nie Einschränkungen in irgendeiner Art und Weise erfahren musste, werden jetzt vor ein leeres Nudelregal gestellt. Als Sebastian Kurz vor die Presse trat und alle Maßnahmen verkündete, beruhigte und beunruhigte mich dies zu gleich.

Die letzte Woche erlebte ich ebenfalls ziemlich kontrastreich. Auf der einen Seite war das Wetter schön, es hat Spaß gemacht im Garten zu arbeiten, Nachbarskinder spielten im Garten und man redete in weiter Entfernung mit allen möglichen Nachbarn. Ich weiß jetzt, dass Dackel Odini und sein Frauchen jeden Tag um 10Uhr bei uns am Haus vorbeikommen, dass mein Nachbar früher bei der Lawinenrettung gearbeitet hat und Schnaps in seinem Keller brennt. Es war eigentlich alles ok und gleichzeitig war nichts ok. Die Welt drehte sich ein bisschen anders. Ich beobachtete die Medien zu Hause in Deutschland und warf einen Blick in die Social-Media-Kanäle. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ein bis zwei Wochen in die Vergangenheit zu schauen. Dort fragte ich mich, ob ich noch in die Kletterhalle gehen sollte oder nicht oder ob ich noch einen Vortrag besuchen sollte oder eben nicht. Ich achtete bereits vermehrt darauf die Hände zu waschen und unnötigen Körperkontakt zu vermeiden, aber richtig einschätzen konnte ich die Situation nicht.

Meine Verwandtschaft mit meinen beiden Omas wohnen einen Steinwurf von Heinsberg in NRW entfernt, einem Risikogebiet in Deutschland in das man wochenlang immer noch ohne Beschränkungen ein- und ausreisen kann. Wenigstens wurde jetzt dazu aufgerufen alle unnötigen Reisen ins In- und Ausland zu unterlassen und Bayern fährt ebenfalls auf Notbetrieb runter. Man setzt auf die Vernunft der Menschen in Deutschland, aber ehrlich gesagt denke ich nicht, dass das funktionieren wird. Schaut uns an, wir bekommen es noch nicht mal gebacken zu Hause zu bleiben, damit die wirklich wichtigen Personen wie Krankenschwestern, Ärzte, Supermarktmitarbeiter, Apotheker & Co. nicht total überlastet werden und ihren Job so gut es geht weiter fortsetzen können.

Ohne panisch zu sein, möchte ich ehrlich sein und sage, dass ich mir Sorgen mache. Ich mache mir Sorgen um meine Verwandtschaft zu Hause, vor allem um meine Omas, ich mach mir Sorgen um meine Eltern und ich mache mir Sorgen um die Vernunft der Menschen. Es ist ein ungutes Gefühl zu wissen, dass man jetzt nicht einfach über die Grenze hin und her fahren kann. Ich blicke auf die Zustände in China oder Italien und möchte diese Ereignisse nicht hier oder sonst irgendwo anders auf der Welt haben und alles was wir dafür tun müssen ist ganz einfach zu Hause zu bleiben.

Jeder kann also etwas tun, wir selbst haben es in der Hand. Es ist nicht wie bei dem anderen Leid der Welt aus dem wir uns immer gut rausreden können, weil wir nicht vor Ort sind oder keine Waffe in der Hand haben, weil wir uns immer einreden eh zu klein und unbedeutend zu sein, weil wir meinen nichts ausrichten zu können und somit die Probleme gut gekonnt und aus Selbstschutz so weit wie es geht von uns wegschieben. Dieses Mal sind wir alle direkt betroffen. Dieses Mal liegt die Verantwortung bei uns selbst und es sieht verdammt danach aus, dass wir auch hier jämmerlich versagen bei einer so simplen Aufgabe wie einfach zu Hause zu bleiben. Mir graut es, wenn ich daran denke was das Virus in anderen Ländern anrichten kann. In anderen Haushalten und Familien die kein fließendes Wasser haben, kein Bett, keine Heizung oder kein Sofa auf das wir uns einfach begeben müssen. An Flüchtlingsunterkünfte und -camps.

Wir reden uns immer ein, dass wir bei großen Themen, welche die Welt betreffen nichts ausrichten können. Das stimmt nicht. Es ist bequem, aber es ist quatsch. So wie in der jetzigen Situation jeder etwas bewirken kann, kann sonst jeder in jedem Bereich oder Gebiet der Welt, bei allen anderen Krisen auf der Welt auch etwas machen. Man muss es nur wollen. Alles andere ist vorgemachter Käse.

Es ist nicht angebracht jetzt noch Familienfeiern auszurichten oder die Enkel noch mal bei der Oma abzuladen. Es ist nicht angebracht, dass wir Kinder nochmal mit deren Freunde spielen lassen oder uns selbst mit einer Freundin zum Kaffee verabreden. „Das Wetter ist doch so schön, ich fühl mich gesund“, „Da passiert schon nichts, wir kennen uns“, „Es ist nicht schlimmer als eine normale Grippe“ – sorry, aber ich kann diesen Schrott nicht mehr hören. Nur weil man ein Problem bzw. das Virus nicht riecht, schmeckt oder hört oder meint nicht daran erkrankt zu sein, heißt es nicht, dass man es nicht hat.

Mich macht es sauer, traurig und ich bin schockiert wie flapsig viele mit diesem Thema umgehen. Muss denn erst in jedem Bekanntenkreis jemand daran gestorben oder erkrankt sein, dass man versteht was derzeit angebracht ist oder nicht? Jeder von uns kann in den nächsten Wochen in eine Lage kommen in der er das Gesundheitssystem dringend benötigt. Ich rede hier von Herzinfarkten, Schlaganfall-Patienten, Schwangeren, krebskranken Menschen, komplizierten Knochenbrüchen oder was weiß ich. Auch für diese Fälle bzw. Menschen müssen wir bitte zu Hause bleiben.

Es gibt viel Gutes was derzeit entsteht. Viele unbekannte Menschen versammeln sich auf kreative Art und Weise ohne sich zu sehen und lassen in Rekordzeit neue Projekte entstehen. Es wird aufgerufen die lokalen Einzelhändler zu unterstützen, Nachbarschaftshilfen blühen auf – man kümmert sich umeinander. Musiker spielen an den Fenstern, man klatscht für die Helden des Alltags (und hört bitte auf jedes gut gemeinte Symbol schlecht zu machen), es werden Kerzen angezündet und ins Fenster gestellt und man lässt unwichtige Dinge auch einfach mal unwichtig sein.

Die Welt wird gerade wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und vielleicht hat es das auch gebraucht. Vielleicht sind offene Grenzen, Reisefreiheit, der Kontakt zu geliebten Menschen, Lebensmittel oder ein gutes Gesundheitssystem viel zu selbstverständlich für uns geworden. Vielleicht haben wir alle jetzt etwas mehr Zeit zum nachdenken was wirklich wichtig ist, wie wir miteinander auf der ganzen Welt umgehen sollten und wie wir mit Konsum und unserer Freizeit umgehen sollten. Vielleicht fangen wir wieder an den kleinen Dingen und den wirklich wichtigen Dingen mehr Beachtung zu schenken. Unsere Welt wird sicherlich anders werden, vielleicht ein Stückchen schlechter, vielleicht aber auch ein Stückchen besser. Die jetzige Zeit wird uns prägen, sie wird alle Unternehmen prägen und verändern, unsere Innenstädte werden ein anderes Gesicht bekommen, es werden wieder andere Dinge wichtig sein und wir müssen morgen stärker sein als gestern, kreativer, offener und vor allem aktiv und gemeinsam unsere Umwelt gestalten.